Mission „Gipfeli Run“

Dienstag, 11. August 2015
Ein Leben für die Armen: Schwester Silvana von den Mutter-Teresa-Schwestern in Zürich hat sich dem Dienst am Nächsten verpflichtet.Ein Leben für die Armen: Schwester Silvana von den Mutter-Teresa-Schwestern in Zürich hat sich dem Dienst am Nächsten verpflichtet.

Kistenweise Brot: Donnerstags nach Ladenschluss holen die Helfer des „Flying Croissant“-Projekts bei drei Zürcher Bäckereien übriggebliebene Backwaren ab, um sie an fünf gemeinnützige Organisationen in der Stadt zu verteilen. Unser Mitglied Verena Maria Amersbach war skeptisch (Mangelt es in der Luxusstadt Zürich tatsächlich an BROT?) und hat sich der Mission „Gipfeli Run“ gestellt.

___Der Start___

Ein Donnerstag im Mai, kurz nach 18 Uhr, Nieselregen. Vorne an der Hottingerstrasse spuckt das Tram immer neue Schwärme gutgekleideter Menschen aus, die mit Schirm und Aktentasche in den Feierabend eilen. Wenige Meter entfernt, am verabredeten Treffpunkt warte ich auf die Mitstreiter. Es ist meine Premiere bei „Flying Croissant“. Und mich plagt arge Skepsis. Dass es in einer derart reichen Stadt wie Zürich wirklich am Notwendigsten mangeln soll, kommt mir nicht in den Sinn. Steckt hinter Flying Croissants wieder so ein (rotarisches) Pseudo-Engagement, das gut gemeint ist, doch am Ziel vorbeischiesst? Das eher der eigenen Gewissensberuhigung dient denn dem Wohle der Beschenkten? Ausgerechnet „Brot“ zu verteilen, erscheint mir im konkurrenzfähigsten Land der Erde geradezu kitschig.

___Die Stopps___

Fast zeitgleich langen Milan und Peter an, meine Gefährten. Der erste direkt aus der Bank und im massgeschneiderten Anzug, der zweite im blitzblank polierten Mercedes-Kombi. Handshakes, kurzes Intro, dann geht es ans Werk. Wir krempeln die Ärmel hoch, zerren die Kisten aus dem Kofferraum und beladen sie in der Bäckerei mit übriggebliebenem Brot. Rasch verstauen, ins Auto und ab zum nächsten Stopp. Zweimal noch wiederholen wir die Übung, ehe es endlich ans Austeilen geht. Was wir in den drei Bäckereien eingesammelt haben, wird nun an insgesamt fünf Stationen verteilt.

__Café Yucca: Anlaufstelle für Ratsuchende am Rande der Gesellschaft, bietet Information, Beratung und handfeste Unterstützung

__Speak Out: Gassenküche im Herzen der Zürcher Altstadt, wo Menschen in einer Notlage für einige Stunden Ruhe, Wärme, Gesellschaft und kostenlose Mahlzeiten finden

__Suneboge: Geschützter Wohnraum und Arbeitsplatz für sozial desintegrierte und psychisch beeinträchtigte Menschen, hervorgegangen aus dem 1963 von Pfarrer Ernst Sieber gegründeten Obdachlosen-Bunker am Helvetiaplatz

__Missionaries of Charity: Wohnheim für Mütter und Kinder in Notlagen, unterhalten von den Mutter-Teresa-Schwestern

__Schlupfhuus: Anlaufstelle für Jugendliche in Krisensituationen, richtet sich an Opfer von physischer, psychischer und/oder sexueller Gewalt

Während ich mir in den Bäckereien fast wie ein Störfaktor und Bittsteller vorkam, werden wir hier herzlich empfangen. Die Freude über das Mitgebrachte scheint aufrichtig zu sein. Allem Anschein nach werden die Backwaren – was ich nie für möglich gehalten hätte! – dringend benötigt.

Tief eingebrannt hat sich bei mir das Bild von Schwester Silvana. Da steht diese zierliche Frau vor mir in ihrem Sari mit der charakteristischen blauen Borte, legt immer wieder die beiden Hände vor der Brust aneinander, blickt auf die am Tisch aufgehäuften Brote und murmelt fortwährend „danke“. Sie, die sich wie ihre Ordensschwestern zu tiefster Armut verpflichtet hat, die ihr gesamtes Leben dem Dienst am Nächsten widmet, dankt uns für unseren einstündigen Einsatz.

___Das Projekt ___

Die Idee zu Flying Croissant stammt von Rot. Stefan Studer (RC Zürich-Zoo); er hat das Hands-on Projekt im November 2004 ins Leben gerufen. Seit 2011 liegt die Verantwortung für die fliegenden Gipfeli beim Rotaract Club Zürich und der Zürich International Woman’s Association (kurz: ZIWA). Ohne die tatkräftige Unterstützung engagierter Einzelpersonen respektive Rotarier wären die allwöchentlichen Touren allerdings nicht zu stemmen. Die Liste der verfügbaren Helfer umfasst aktuell mehr als 100 Namen. Vorsichtigen Hochrechnungen zufolge wurden seit Projektstart rund fünf Tonnen an Lebensmitteln verteilt – die ohne Flying Croissant im Müll gelandet wären.

___Die Überproduktion___

Dass mehr Gipfeli und Co. produziert werden, als über die Ladentheke wandern, ist symptomatisch für die Branche. 15 Prozent der am Morgen hergestellten Waren liegen am Ende des Tages noch im Regal, schätzt Sarah Stettler vom Schweizerischen Bäcker-Confiseurmeister-Verband. Bei 126 Bäckereien allein in Zürich (schweizweit sind es über 1‘600) kommt da eine stattliche Menge zusammen.

__Das Resümee__

Die letzten Brote sind verteilt, die Krümel notdürftig aus dem Kofferraum gefegt, die Mitstreiter abgerauscht. Mein Weg zum HB führt mich über die Bahnhofstrasse, wo an diesem Abend das Spring Tasting 2015, ein Shopping- und Weindegustationsevent, stattfindet. Rote Teppiche vor den Eingangsportalen, Stehtische mit Hochglanzbroschüren und Cüpli, illustres Publikum. Ohne Regen schiebt sich’s die Zürcher Nobelmeile entlang; ich mittendrin. Während ich rechterhand die Auslagen von Tod’s, Burberry und Louis Vuitton passiere, schaue ich beklommen an mir herunter (meine Schuhe, mein Mantel, mein Täschli). Bei Rolex wird’s mir dann beinahe schlecht…

Es braucht ein paar Tage, die Eindrücke zu verdauen. Was sich herauskristallisiert:

  1. Dass es in Zürich an Brot mangelt, ist erbärmlich – aber Fakt.
  2. Fortan auf Cüpli zu verzichten, hilft nicht. Das Problem liegt tiefer.
  3. Wir als Endkonsumenten müssen uns für das Thema Nachhaltigkeit im Food-Bereich (inklusive Verschwendung, Abfall und Ökologie) stark machen. Wenn der Lebensmittelabfall reduziert wird, werden die Ressourcen entlang der gesamten Produktionskette geschont.
  4. Gleichzeitig gilt es, die unverkauften Produkte ihrem Ursprungszweck (i.e. der menschlichen Ernährung) zukommen zu lassen. Flying Croissant ist eine Variante hierfür.

Wer Lust bekommen hat, seinen eigenen, kleinen Beitrag zu leisten: www.flyingcroissant.ch.

Weiterführende Informationen bietet auch der Flying Croissants Flyer.

Rot. Verena Maria Amersbach


Weitere Bilder

  • Ein Kofferraum voller Brot: Was die Kunden nicht wollen, wird immer donnerstags an soziale Einrichtungen in Zürich verteilt.Ein Kofferraum voller Brot: Was die Kunden nicht wollen, wird immer donnerstags an soziale Einrichtungen in Zürich verteilt.
  • Drei Bäckereien, fünf soziale Einrichtungen: Gut eine Stunde dauert der Gipfeli Run.Drei Bäckereien, fünf soziale Einrichtungen: Gut eine Stunde dauert der Gipfeli Run.